Was haben Mickey Mouse & Co. im Museum verloren?
Shownotes
In dieser Episode von Kunst für Kids dreht sich alles um die Ausstellung „KAWS Art & Comix“ in der ALBERTINA Modern.
Gemeinsam mit Matthäus Bär erkunden Lucy, Anton & Yuki die Welt der Comics im Museum: Warum tauchen Figuren wie Mickey Mouse oder der Pink Panther plötzlich in einer Kunstausstellung auf? Was unterscheidet Comics von klassischer Kunst? Und wer ist eigentlich KAWS?
Ihr erfahrt:
- was Comics genau sind und wie sie funktionieren
- warum Künstler:innen sich von Comicfiguren inspirieren lassen
- was Begriffe wie Popkultur, Sampling oder „Ready-made“ bedeuten
- wie die Grenzen zwischen Kunst, Alltag und Spielzeug verschwimmen
Außerdem bekommt ihr Einblicke in spannende Werke und Installationen der Ausstellung – von riesigen Skulpturen bis zu begehbaren Kunstwerken.
🎧 Tipp: Hört die Folge direkt beim Ausstellungsbesuch oder gemütlich zu Hause.
Eine Produktion der ALBERTINA für kleine und große Kunstentdecker:innen.
Transkript anzeigen
Hallo und herzlich willkommen!
Mein Name ist Matthäus Bär und heute plaudern wir wieder ein bisschen über Kunst, und zwar ganz konkret über die Ausstellung „KAWS Art & Comix“ in der Albertina Modern.
Und damit ich das nicht ganz allein machen muss, bitte ich auch heute die berühmt-berüchtigste Expertinnenbande aller Zeiten um Hilfe, die „ALBERTINA KUNSTKINDER“. Hallo! Hallo! Hallo! Mir zur Seite stehen die kritischen Kritikerinnen Magistra Lucy und Dipl-Ing. Yuki sowie der Auskenner und Fachmann in allen Lebenslagen Prof. Dr. Anton. Schön, dass ihr auch heute wieder dabei seid. Na dann, alle bereit? Auf in die Comic-Welt von KAWS.
In der Ausstellung geht es zwar viel um den amerikanischen Künstler KAWS und seine Werke, aber gleichzeitig auch viel nicht um ihn. Die Ausstellung trägt nämlich ganz absichtlich den Untertitel „Art & Comix“. „Art“ heißt „Kunst“ und Comix … na ja, Comics eben. Denn wenn wir nun die ehrwürdigen Hallen der Albertina Modern betreten, lachen uns etwa nicht feingezeichnete Häschen oder berühmte Blumenweise entgegen, sondern:
Pink Panther, Mickie Mäuse, Mini Maus, Goofy, Donald Duck und Co.
Das ist Angela Stief, sie hat gemeinsam mit Florian Waldvogel die Ausstellung kuratiert, dh sie haben ausgewählt, welche Kunstwerke darin zu sehen sind. Und ja, richtig gehört, fast jedes der Werke zeigt in irgendeiner Art und Weise eine Comicfigur. Aber Moment mal, sind Comics nicht eher was … hm, nicht ganz so künstlerisches?
Comix-Hefte? Im Museum? Ernsthaft?
Sind das nicht Schundwerke, die Kinder und Jugend verderben?
Na ja, ganz so hätt ich’s jetzt nicht ausgedrückt … aber ja, warum gerade Comics, Angela?
Was uns interessiert hat, ist natürlich, wie Künstler:innen umgehen mit Comics, und wie kommen Comics in Kunst vor.
Ok, verstehe. Klingt spannend, Comic kennt schließlich jeder und jeder. Nur, was heißt Comic denn eigentlich genau?
Der Begriff Comic ist aus dem amerikanischen Englischen entlehnt, wo er als Kurzform von comic strip schon länger üblich war. Allgemein bedeutet das englische Adjektiv comic „komisch“, „lustig“, „drollig“.
Ah, besten Dank, Prof. Anton. Müssen wir sonst noch was wissen über Comics?
Comic bezeichnet die Darstellung eines Vorgangs oder einer Geschichte in einer Folge von Bildern. In der Regel sind die Bilder gezeichnet und werden mit Text kombiniert. Das Medium Comic vereint Aspekte von Literatur und bildender Kunst, wobei der (oder das) Comic eine eigenständige Kunstform und ein entsprechendes Forschungsfeld bildet.
Jaja, reicht sch- … ähm, ich meine, vielen Dank!
Comic sind also Bildgeschichten, meistens mit wiederkehrenden Figuren, wie zb. eben Donald Duck, Mini Mouse, Tim und Struppi, Mrs. Marvel, Cat Women, und so weiter und so fort. In Asien heißten Comics in der Regel Manga, und auch da gibt’s unendlich viele Figuren, Heldinnen und Bösewichte.
Was alle Arten von Comics gemeinsam haben ist, dass sie Massenware sind – also, dass es meistens mehrere tausend Stück von einem gibt. Ganz ähnlich wie eine Zeitung, von der gibt es ja auch nicht nur ein einziges Exemplar, sondern die werden gedruckt und vervielfältigt, damit möglichst viele Leute sie lesen können. Und so wie Zeitungen, sind Comics grundsätzlich nicht selten, in fast jedem Haushalt gibt es ja Comics. Und alles was nicht selten, sondern recht häufig ist, gilt oft als nicht gut, nicht besonders oder zumindest nicht wertvoll. Gold und Edelsteine zb. sind ziemlich selten, weshalb sie sehr teuer sind und nur wenige Menschen sie überhaupt zu sehen bekommen. Auch die Kunst in Museen ist meistens eher selten, Besucher:innen kommen ja gerade deshalb in Ausstellungen, um dieses eine, berühmte und originale Bild zu bestaunen.
Und hier hängen jetzt Comic-Figuren, die zu abertausenden überall und jederzeit zu sehen sind? Ist das dann überhaupt Kunst?
Also wenn ich jetzt der Künstler der Ausstellung wäre, der Hauptkünstler KAWS, der würde so antworten, dass er sagt, dass er sich überhaupt nicht für diese ganzen Einordnungen und Kategorien interessiert. Also, was ist High Art, was ist Low Art, das hat man dann vielleicht auch in den sechziger Jahren, wo die Popkunst aufgekommen ist, die sich ja sehr stark, sozusagen, am Alltag orientiert hat oder an der Massenkultur oder Populärkultur oder an den Leuchtschriften, Reklamen, Postern im öffentlichen Raum noch gemacht, aber heutzutage ist es vielleicht veraltet.
Ähm … Kunst? Spielzeug? Werbung? Gibt’s da überhaupt einen Unterschied?
Tja, gerade das wird in dieser Ausstellung ein bisschen diskutiert. Spätestens vor ungefähr 60 Jahren haben Künstlerinnen und Künstler nämlich damit angefangen, nicht nur artig gerahmte Bilder und Skulpturen in Museen als Kunst zu sehen, sondern alles, was Menschen so in ihrem Leben umgibt. Die Trennung zwischen hoher, guter Kunst im weißen Ausstellungsraum und schlechter, einfacher Kunst auf der Straße und in den Wohnungen wurde zunehmend aufgedröselt. Ganz nach dem Prinzip: Jede Dose Tomatensuppe und jede Milchtüte wurde von irgendjemand entworfen und in Form und Farbe gestaltet, so wie wir sie sehen. Und damit sind auch diese Alltagsgegenstände eine Art Kunst. Selbiges gilt auch für Werbung, für Plakate und natürlich auch für Comics.
Die Ausstellung versucht eigentlich gerade diese Grenzen zwischen Kunst und Kommerz, zwischen Kunst und Nicht-Kunst, zwischen Kunst und Spielzeug, zwischen High- and Low-Art aufzulösen. Die sind, glaub ich einfach gar nicht so wichtig.
BOOM, CRASH, ZOOIIING!,
SEUFZ, SCHMATZ
Ähm, wie bitte? Waren das etwa Comic-Laute?
Onomato-poesie ist die sprachliche Nachahmung von außersprachlichen Schallereignissen. Alternative Bezeichnungen sind Lautmalerei, Tonmalerei, Lautnachahmung, Klangnachahmung, Schallnachahmung, Schallwortbildung oder Tonwortbildung.
Oho, besten Dank auch, Prof.Dr. Anton! Aber gut zu wissen, auch in herkömmlichen Comics steckt also jede Menge Poesie. Poesie bedeutet Dichtkunst, und soweit ich weiß, ist auch das eine Form von Kunst. Ganz abgesehen von den oft total aufwendigen Zeichnungen … Also, schön langsam bin ich überzeugt davon, dass Comics absolut richtig sind im Museum!
Aber eine der wichtigsten Fragen haben wir noch immer nicht geklärt:
Wer oder was ist KAWS?
Genau. KAWS ist nämlich ein Künstlername, so wie Superman eigentlich Clark Kent oder Batman Bruce Wayne heißt. Geboren wurde KAWS als Brian Donnelly 1974 in der Nähe von New York. Als Jugendlicher hat er begonnen sich für Skateboard-Kultur und Graffiti zu interessieren, der Tag KAWS – also seine Sprayer Unterschrift – stammt auch aus dieser Zeit. Später hat er dann kleinere Skulpturen und Figürchen produziert … die allesamt verdächtig an Superhelden, Comicfiguren und Spielzeugmäxchen erinnern. Ein Stil, an dem er bis heute festhält, auch wenn seine Companions – seine skulpturalen Begleiter – mitunter mehrere Meter groß sind.
Also, es ist so eine ganz große, rote Figur. Sie hat am Kopf sowas, das ausschaut wie so zwei Knochen, die rausschauen. Sie hat so einen Anzug an, der quasi so ausschaut, als hätte sie eine Schnur drüber gebunden, als wären so die Teile so abgeteilt in große Kissen. Also, so ähnlich wie ein sehr gepolsterter Raumanzug.
Die Statue, die ich sehe, ist schwarz. Sie liegt auf der Seite, ist sehr haarig und hat zwei weiße Augen und eine pinke Nase. Die Augen sind mit so Kreuzen markiert.
Das Interessante an der Figur von KAWS ist, dass der in unserer Ausstellung nicht nur der Hauptkünstler ist, sondern dass er auch Leihgeber ist. Also, der hat eine riesige Sammlung, er ist ein ganz ein großer Sammler, er liebt Kunst und sammelt Kunst und arbeitet mit Kunst und macht selber Kunst.
KAWS ist selbst einfach ein Riesenfan, speziell von Kunst, die gut verständlich und für alle zugänglich ist, und noch spezieller natürlich von Comic-inspirierter Kunst. Deshalb sind in der Ausstellung eben auch nicht nur Arbeiten von KAWS selbst zu sehen, sondern von vielen verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern. Und allesamt spielen auf die eine oder andere Art und Weise auf die Welt der Comics an.
Einer von KAWS Vorbilder, der superbekannte Künstler Keith Haring, wollte zb. seine Kunst nicht nur in sauberen Ausstellungshallen und für geschniegelte Topmanager und Gräfinnen zeigen, sondern auch im echten Leben, auf der Straße, für alle gut erreichbar und erhältlich. Er hat deshalb extra eine Art Geschäft entwickelt, den Pop-Shop, in dem ausschließlich seine eigenen Arbeiten zu erschwinglichen Preisen zu kaufen waren. Und – tada – genau dieser Shop steht jetzt mitten in der Albertina Modern.
Also im Inneren von diesem Pop Shop sind auf den Wänden, auf dem Boden und auf der Decke ganz viele so Manschgerl aus schwarzer Farbe, gemalt auf weißem Hintergrund. Es ist alles voll damit.
Ja, und sogar eine echte, begehbare U-Bahn gibt es in der Ausstellung. Hergestellt bereits vor 51 Jahren von Red Grooms, Mimi Gross, und The Ruckus Construction Company in Manhatten, NY.
Also, es ist so eine U-Bahn, in die kann man auch reingehen. Es ist drinnen halt alles sehr bunt. Man kann sich auch auf einen freien Platz setzen. Die Leute schauen irgendwie nicht sehr echt aus, sondern schon eher sehr gemalt, aber es ist halt auch wie in echt, dass nicht alle ganz still da sitzen, sondern man liest auch Zeiten oder redet miteinander. Ja, und es ist halt auch alles so mit Graffitis und es wackelt auch und es sind auch so Begriffe oben und auch so Stangen.
Und wie versprochen, auch echte, weltbekannte Comic-Heldinnen kommen vor. Katherine Bernhardt zum Beispiel malt gern rosarote Panther.
Auf dem Bild ist ein rosa Panther, der läuft, und um ihn herum sind ganz viele Pizzastücke und Zigaretten. Und da sind noch so weiße Stücke, sieht bisschen wie Apfelscheiben aus.
Und Eliza Douglas haben es die Disneyfiguren angetan.
Katherine Bernhardt
Es erinnert mich so an ein weißes Tuch, wo Donald drauf abgebildet ist. Und das wurde dann so in der Mitte genommen und so bisschen zerdreht, zerwurstelt, und jetzt sieht es sehr lustig aus.
Ähm, also … ich will ja jetzt nicht unnötig Stress machen, aber … diese Comicfiguren hat ja auch jemand gezeichnet, also ursprünglich – Mickey Mouse zum Beispiel ist schon vor über hundert Jahren entstanden. Und … ähm, ist es eigentlich erlaubt, Zeichnungen und Entwürfe von jemanden anderen für seine eigenen Kunstwerke zu verwenden? Darf man denn einfach fremde Ideen klauen?
Stopp, Urheberrechtsverletzung! Das ist Diebstahl!
Hm, das ist natürlich eine extrem spannende Frage. Ist das Verwenden bekannter Formen und Figuren automatisch eine Hommage, also eine Ehrwürdigung und lobende Erwähnung dieser? Oder ist das überhaupt möglich? Und ab wann ist es tatsächlich Diebstahl?
Jedenfalls werden auch in anderen Kunstformen berühmte, vorgegangene Werke aufgegriffen, verarbeitet und zitiert. In der Musik etwa gibt es Sampling, das …
In der Musik bezeichnet Sampling den Vorgang, einen Teil einer – bereits fertigen – Ton- oder Musikaufnahme in einem neuen musikalischen Kontext zu verwenden.
… dabei werden kurze Teile eines Liedes zb. herausgeschnitten, eventuell bearbeitet und dann in das eigene Musikstück eingesetzt. Wichtig ist dabei nur, die Urheberinnen und Urheber – also diejenigen, die das ursprüngliche Kunstwerk erfunden, geschrieben oder gemalt haben – um Erlaubnis zu fragen … oder aber das „ausgeschnitten Stück“ selbst so zu verfremden, zu verarbeiten oder umzubauen, dass es als eigenständiges Werk verstanden werden kann, und sozusagen als komplett neues Kunstwerk gilt. … Puh, ganz schön kompliziert.
POP, POP, POPKULTUR!
Hehe, ganz genau darin liegt vielleicht das Besondere an Comicfiguren. Sie sind teilweise so weit verbreitet und sooooo viele Menschen sehen sie tagtäglich, dass sie mitunter schon als Allgemeingut, als eine Art Alltagsgegenstand, wahrgenommen werden, der allen und jedem gehört. Soweit so gut, nur … wie wird aus ganz normalen Gegenständen, oder aus mega bekannten Comics, jetzt Kunst-Kunst?
Ein Ready-made (engl. für „Fertigware“) ist ein Alltags- oder Naturgegenstand, der zum Kunstwerk „gemacht“ wird, indem der Künstler oder die Künstlerin ihn „findet“ und zum Kunstwerk erklärt.
Echt? Funktioniert dieser Trick auch zb mit … Fahrradräder? Straßenschildern? Kloschüsseln? Aber cool, dann sind möglicherweise auch Comicfiguren also “Fertigware”, die quasi fixfertig in den Heften liegen, und nur daraus herausgelöst werden müssen, um damit neue und weitergedachte Kunst zu schaffen?
In dem Fall würde ich sagen, kommen wahnsinnig viele Comicfiguren vor. Also das war ja die Idee der Ausstellung, wie reflektieren sich Comicfiguren oder die Idee des Comics, das Format des Comics mit seinen verschiedenen Aspekten in der bildenden Kunst. Und sie unterscheiden sich natürlich auch massiv von ihren Vorlagen, wenn man so will, also von den Animationsfilmen, von den Comicmagazinen in ihrer originalen Form.
SCHLURF, KEUCH
Ebenso keuch! Gar nicht so einfach wie gedacht, diese drolligen Bildgeschichten. Da steckt schon weit mehr zwischen den Sprechblasen als der erste, schnelle Blick vermuten lässt … aber welche Helden und Heldinnen treffen wir denn jetzt tatsächlich in der Ausstellung?
Ich glaub‘, das sind eher die Antihelden, nicht die Superhelden, denen man hier in dieser Ausstellung begegnet. Das sind oft ganz sympathische, manchmal riesige, aber manchmal auch ganz kleine Figuren, die uns da entgegenblicken, das sind manchmal auch Schutzfiguren.
Top, top, ich denke, damit sind (fast) alle Fragen beantwortet, oder?
Ich bin jedenfalls schon gespannt, wie viele bekannte Gesichter und Figuren ihr in dieser Comic-Schau so entdecken könnt. Viel Spaß beim Suchen und Aufspüren wünsch ich euch!
Herzlichen Dank an Angela Stief für die Expertise und natürlich an die famosen Kunstkinder Yuki, Lucy und Anton. Euch vielen Dank für’s Zuhören, bis zum nächsten Mal, euer Matthäus Bär
Neuer Kommentar